Autor: Stephan Kalhamer | Gespeichert unter Allgemeines
Hallo FTP Community,
wie gestern geschrieben hätte ich an Herrn Steinmeiers Stelle im Polit-TV-Duell mehr auf Sieg gespielt. Mein offenkundiges Argument dafür ist, dass Veränderung dem designiert Unterlegenen nur nutzen kann. Wer solches in seiner Disziplin meiner Meinung nach sehr gut umzusetzen vermag, ist Timo Boll.
Gestern wurde Deutschland erneut Tischtennis-Team-Europameister. In seinem Einzel gegen Michael Maze verlor er den ersten Satz schon zu Recht, wurde im Zweiten gar deklassiert. Der Reporter meinte Timos Angriffen fehle die Entschlossenheit.
Nun, wer will dies dem Champion vorwerfen? Normalerweise ist er derjenige, der später den Fehler macht. Normalerweise kommt der Gegner mit Schaum vor dem Mund an die Platte und Timos Routine arbeitet für ihn. Was ihn also sonst auszeichnet, wirft man ihm vor, wenn er hinten ist.
Groß finde ich es von ihm (oder seinem Trainerstab), dass er im dritten Satz aufgemacht hat. Nun nahm er die Shots, war bereit eigene Fehler zu begehen. Das macht dann Sinn, wenn es zur besten Alternative wird. Sicher untergehen oder umstellen und sich dadurch selbst die Chance auf Glück geben, hieß die Frage. Timo entschied korrekt. Das Umschalten in das optimale Spiel des Dogs ist gerade für den meist als Favorit gesetzten Champion ungewohnt und unbequem. Timo ging diesen Weg und hatte Glück. Er traf mehr als er versemmelte und gewann den Satz. Im Vierten aber behielt er zwar seine Risikofreude bei, Fortuna aber verlies ihn und das Match ging an Maze.
Trotzdem kann der interessierte Pokerspieler viel von diesem Verhalten eines Champions in seinem Sport lernen. Der Erfolg steht über allem. So lange er die Lage im Griff hat, geht er keine unnötigen Risiken ein. Er weiß um die eigene Stärke, lässt den Gegner wilde Sachen probieren. Wann immer der Gegner keine Jahrhundertserie startet, geht das Match an Boll. Doch läuft alles gegen ihn, so reagiert er und sucht selbst sein Glück: dann – und nur dann – wenn er es braucht.
Analog verwaltet man als überlegener Pokerturnierspieler ruhig seine Madehands gegen die Manöver der Draws. Doch an Tagen an denen diese ein ums andere Mal treffen, so dass man unter die Räder kommt, wenn man nicht bald etwas unternimmt, greift man seinem traurigen Schicksal kontrolliert vor und handelt, ehe der Stack auf Auto-All-In-Größe geschmolzen ist. Man legt eine andere, nun auch angebrachte Risikofreude, an den Tag, auch wenn man dabei hier und jetzt sterben könnte. Dies täte man später umso sicherer auch.
Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan M. Kalhamer
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