Stephan Kalhamer Stephan Kalhamer

Hallo FTP Community,

gestern habe ich die wichtigsten und gängisten Regeln aufgezeigt, über die man so stolpert, wenn man – von Software verwöhnt – im Livespiel plötzlich nicht nur taktisch zu überlegen, sondern auch technisch sauber zu performen hat. Heute möchte ich mein persönliches Protokoll beschreiben, ehe ich mich für oder gegen eine Hand entscheide.

Mein Spielansatz ist – wenn würde es überraschen – stark mathematisch geprägt. Deshalb spielt mir das Onlinespiel in vielen Punkten sprichwörtlich in die Karten. Alle für mich relevanten Größen sind gut einsichtig, ich habe schnell ein komplettes Bild der Situation. So ist es mir möglich online viele Partien gleichzeitig zu bespielen.

Live kann ich natürlich nur eine Partie spielen, doch langweilig ist es deswegen noch lange nicht! Gerade in der Intransparenz im Livespiel liegt großes Edge. Zu wissen, wer welchen Stack hat, ist live viel mehr wert als online: denn online weiß es jeder jederzeit, live nur der fleissig Konzentrierte. Auch die Potsize immer im Kopf zu haben, kann nicht jeder Livespieler von sich behaupten – zum Glück!

Dazu kommt die physische Präsenz. Man kann und sollte seine Gegner studieren. Online kennen wir den VPIP und den AF, live dafür Alter, Geschlecht und manch andere Eigenschaft. Wer online den Fold-Button bereits vorab gedrückt hat, weiss man leider immer erst hinterher. Live hingegen, sehe ich die Gegner, die zu früh in die Karten sehen, von Zeit zu Zeit Verwertbares preisgeben.

So teile ich ehe ich in meine Karten blicke den Tisch in drei Zonen ein. Die Zone links von mir bis zum Button, die rechts von mir bis zu den Blinds und die Blinds selbst.

Meine linken Nachbarn nenne ich Abteilung „Angst“: Ich sehe es ungern, wenn diese, nachdem ich bereits investiert bin, in Position auf mich reagieren.

Meine Rechten nenne ich Abteilung „Hoffnung“: Es ist mir lieb, wenn alle zu mir folden, dann kann ich mit vielen Händen ins Spiel.

Die Blinds heißen „Beute“ für mich: Jedes Pokerspiel beginnt mit dem Kampf um die Blinds. Gerne schnappe ich sie mir. Das ist das erste und unmittelbare Ziel.

Bekomme ich also Karten zugeteilt, schütze ich sie mit einem Chip, und beobachte möglichst unauffällig die Spieler nach mir, die Blinds sowie die Spieler vor mir – und zwar in dieser Priorisierung. Denn verpasse ich etwas bei den Spielern vor mir, wiegt dies nicht so stark: Schließlich bin ich noch nicht investiert und ich sehe die Fakten der Action in jedem Fall ehe ich zu handeln habe.

Das Zusammenspiel der verschiedenen Eindrücke, meine Position und mein Image ergeben einen Mindestanspruch an meine Hand. Habe ich diesen für mich gefunden, so blicke ich kurz in die Karten. Erfüllen sie meinen Anspruch, so raise ich. Wenn nicht, so folde ich. Ganz einfach eigentlich…

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer

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