Posted by Hans Martin Vogl | Filed under Allgemeines
Was spiele ich? Was hält der Gegner?
Oft werde ich gefragt, wie ich eine bestimmte Flop oder Turn Situation spielen würde. Die vielleicht überraschende oder zunächst unbefriedigende Antwort ‘eigentlich am besten gar nicht’ kommt mir das ein oder andere Mal über die Lippen.
Mein heutiges Thema beschäftigt sich mit der Auswahl meiner Spiele und dem Versuch, auch auf die Auswahl der Spiele meiner Gegner Einfluss zu nehmen. So entstehen viele schwierige Situationen erst gar nicht oder werden im Keim – also schon Preflop – erstickt.
Dabei dreht sich alles um Handrange.
Welche Bandbreite an Händen spiele ich?
Wie spiele ich diese Range?
Welche plausiblen Hände spielen dieses Spiel mit?
Meine Homebase, die sixhanded Ringgames auf Full Tilt Poker, spiele ich – wenig überraschend – tight aggressiv. Meine Auswahl an Starthänden ist also tendenziell selektiver als die der meisten meiner Gegner. Dazu entscheide ich mich bis auf wenige Ausnahmen für eine aktive Spielgestaltung.
Wie sieht das konkret aus? Zumeist recht unspektakulär: ich folde und folde…
Eine Hand sehe ich dann als spielbar, wenn sie die Situation wahrscheinlich ‘rult’. An dieser Stelle wird es schnell sehr mathematisch. Die exakten Zahlen soll gerne weiterhin mein Full Tilt Kollege Stephan Kalhamer erarbeiten, wie er es z.B. auf overcards.de regelmäßig und ganz aktuell auch zum Thema Handrange tut. Ich will hier anwendungsnahe Gedanken aus meiner Praxis schildern.
Wann also ‘rult’ meine Hand? Im sixhanded Spiel habe ich im wesentlichen nur drei verschiedene Grundszenarien: Ich befinde mich in late Positon (Button/Cutoff), in early Position (Highjack/UTG) oder in den Blinds. Weiterhin ist zu unterscheiden, ob es vor mir Action gab oder nicht. Diese 6 Grundszenarien bestimmen meine Entscheidung, ins Spiel einzusteigen oder es bleiben zu lassen.
Late Position ohne vorangegange Action
Hier ist es leicht ins Spiel einzusteigen. Ich muss neben der eigenen Handstärke nur das eigene (meist tighte) Image und die Spiellaune der verbleibenden 2 oder 3 Spieler miteinbeziehen. Ich spiele 20 bis 40% aller Hände und immer als Openraise.
Late Position mit vorangeganger Action
Hier muss die Hand für sich sprechen. Wie man gleich sehen wird, spiele ich selbst nur wenige Hände aus früher Position. Gebe ich dem eröffnenden Spieler also nur einigermaßen Kredit für seine Action, so muss ich schon richtig was in Händen halten, um gegenspielen zu können. 5 bis 15% aller Hände sind spielbar, auch Calls streue ich unter.
Early Position ohne vorangegange Action
Die Hand muss den Positionsnachteil ausgleichen. Viele Entscheidungen sind noch offen, die Hälfte der Entscheider hat auch noch Position auf mich. Mein Range umfasst 10 bis 20% aller Hände, die ich dann sicher als Openraise vortrage.
Early Position mit vorangeganger Action
Dieses Szenario ist sehr selten, als UTG sogar unmöglich. Bin ich aber nun mal Highjack und UTG meint, raisen zu müssen, so bin ich alarmiert. Mit maximal 10% aller Hände fühle ich mich noch wohl genug um mitzumachen, dann aber zumeist gleich als Reraise.
Blinds ohne vorangegange Action
Hier kann es vorkommen, dass ich alle Hände spiele. Klar ist das im Falle des Big Blinds, falls ich also nichts bezahlen muss. Es kann aber auch sein, dass mein Image so solide und der Gegner so tight ist, dass ich mit bis zu 100% aller Hände openraise.
Blinds mit vorangeganger Action
Dies ist die am weitesten gefasste Entscheidung. Mit welchem Range ich wie mitmache, kommt darauf an, wer aus welcher Position wie eröffnet. Gegen einen soliden Spieler spiele ich umso seltener mit, je früher er sitzt und je schlechter meine Odds sind. Wenn ich aber mitspiele, dann oft als Reraise, weil ich Out-of-Position bin. Gegen einen Maniac kommt es vor allem auf die Odds und die Restgelder, sprich die Implied Odds, an, ob ich ein Tänzchen wagen möchte. Je günstiger ich einsteigen kann und je mehr Geld effektiv behind ist, desto lieber bezahle ich. Raise macht ohne Position wenig Sinn, weil er als Maniac tendenziell bezahlen wird. Bis zu 60% aller Hände sind in Extremfällen für erfahrene Postflopspieler also drin und je nach Situation mal aktiv als Reraises, mal passiv als Calls.
Jetzt bleibt eigentlich nur noch anzugeben, welche Hände in die angesprochenen Ranges fallen:
Da komme ich um die Mathematik nicht mehr rum. Es gibt 169 verschiedene Starthände, die aber nicht alle gleich wahrscheinlich sind. Paare sind unwahrscheinlicher als Nichtpaare, auf suited oder offsuit verzichte ich hier um der Einfachheit willen weitgehend. Für Details verweise ich gerne noch einmal auf meinen Freund und Zahlenkenner Stephan…
Mein ungefährer 5% Range:
AA, KK, QQ, JJ, TT, AK, AQ
Mein ungefährer 10% Range:
5% + 99, 88, 77, 66, AJ, AT, KQ
Mein ungefährer 15% Range:
10% + 55, 44, 33, 22, A9, A8, KJ
Mein ungefährer 20% Range:
15% + A7-2s, KT, QJ
Mein ungefährer 40% Range
20% + „Quasi Suitedconnectors“ (z.B. 98s, JT oder J8s)
Mein ungefährer 60% Range
40% + „alles was noch irgendwie die Phantasie anregt.“ (z.B. 87o oder K7s)
Mein ungefährer 100% Range
Den halte ich geheim…
Nun ist aber wirklich genug verraten, schließlich brauche ich noch etwas Edge um auch weiterhin das Spiel schlagen zu können. Euch viel Erfolg an den Tischen!
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