Soraya Homam Soraya Homam

Ich weiß nicht genau, welche Gefühle in einem Menschen vorgehen, wenn er erfährt, dass es vermutlich seine letzte Woche auf dieser wunderschönen Erde sein wird.

Vor allem wenn er in seinem Kopf einen Abschiedsbrief formuliert und diesen dann aus tiefem Herzen auf die Tastatur fließen lässt.

Jedoch weiß ich, welche Empfindungen solch ein Brief bei demjenigen auslöst, der ihn erhält. Ich erinnere mich, dass eine Machtlosigkeit mein erstes Gefühl war, das mich unwillkürlich nach diesem Abschiedsbrief überkam.

Gewiss war ich nicht die einzige in Kevins Umgebung, die einen Abschiedsbrief von ihm erhalten hatte. Zweifellos hat er sich von seiner Familie, Freunden und Bekannten auf die unterschiedlichste Art und Weise verabschiedet.

Wenn ein Kind schwer krank ist und glücklicherweise im Gegensatz zu uns Erwachsenen keine bestimmte Vorstellung vom Sterben hat, kann man es mit einem interessantem Spiel oder einem Märchen ablenken. Aber was macht man, wenn ein Erwachsener über sein baldiges Nicht-Mehr-Dasein auf dieser Welt spricht?

In der menschlichen Geschichte gab und gibt es leider immer noch unzählige Menschen, die ihr Leben durch die Gewalt des Kolonialismus, Fanatismus, Faschismus und der daraus folgenden Kriege sowohl individuell als auch kollektiv verloren haben.

Während dieser brutalen Geschichte hatten viele unserer Väter, Mütter und andere Verantwortliche ihre Augen, Ohren und Münder wie die drei berühmten Affen bewusst oder unbewusst, aber auch aus Angst oder Profitgier verschlossen. Damit später „einfacher“ behauptet werden kann: „Wir wussten nicht, was in unserer unmittelbaren Umgebung oder in der Ferne passierte.“

Wenn man bedenkt, wie viel Kapital im Laufe der unterschiedlichsten Epochen für Rüstung investiert wurde, um Menschen auf verschiedenste Art und Weise zu töten, dann wird klar, dass für eine umgekehrte Investition, nämlich die Menschen am Leben zu erhalten, ihnen eine respektable Entwicklung zu gewähren, deren medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten und ihnen Bildung zukommen zu lassen, kaum Kapital übrig bleiben konnte.

Besonders im Bereich der medizinischen Forschung, die durch viel höhere Investitionen vielleicht in der Lage gewesen wäre, die Erbkrankheiten oder andere tödliche Krankheiten im eigenen Keim zu ersticken.

Ich hatte den Abschiedsbrief von Kevin um ca. 20:00 Uhr erhalten. Nach einer Stunde des Philosophierens und mit Wut im Bauch, die aus meiner Machtlosigkeit den unheilbaren Krankheiten gegenüber resultierte, war ich erst dann in der Lage, einige Zeilen für Kevin zu schreiben und sie per E-Mail loszuschicken.

Ich schrieb ihm den folgenden Brief:

Lieber Kevin,

Dich kennen gelernt zu haben, war eine große Bereicherung für mein Leben. Heute jedoch, nachdem ich Deine Nachricht erhalten hatte, wurde ich sehr traurig.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass wir beide weiterhin im Kontakt bleiben können. Allerdings bin ich sehr besorgt um Dich, aber ich habe ein sehr gutes Gefühl für Deine Operation. Ich denke, dass wir noch viele Turniere zusammen spielen werden. Bitte versprich mir, dass Du Dich bemühen wirst, an Dich und Deine Kräfte zu glauben, damit Du diese Operation bestehen kannst!

Ich danke Dir für Dein Vertrauen und Deine Offenheit, und dass du mich in dieser schwierigen Phase an Deinem Leben teilhaben lässt. Am Tag Deiner Operation werde ich mit all meinen Gedanken bei dir sein.

Ich habe eine Bitte an Dich: Falls es keine zu großen Umstände macht, könnte mir jemand aus deinem näheren Umfeld eine Benachrichtigung zu kommen lassen, wie es Dir nach der Operation geht?

Ich hoffe, Dich bald wieder zu sehen.

In Liebe

Soraya

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2 Responses to “ambivalente Gefühle – Kevin 10”

  1. Robert Says:
    July 2nd, 2009 at 11:43 am

    Mensch, ich hätte nie Gedacht, daß ein Profi soviel Herz hat.
    Ich finde es mutig und stark wie Sie ihre Gefühle offenbaren.

    Ich wünsche Kevin gute Genesung!

  2. claudia Says:
    July 21st, 2009 at 1:14 am

    soraya,du schreibst so spannend und emotional,toll!!!

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