Autor: Soraya Homam | Gespeichert unter Allgemeines
Am 22. April erhielt ich erneut eine Nachricht von John…
„Mal wieder ein Hallo,
ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich heute persönlich mit dem behandelnden Neurochirurgen gesprochen habe, der Kevin letzte Woche und auch am Wochenende operiert hatte.
Kevins Zustand hat sich in den letzen 48 Stunden etwas stabilisiert. Der Chirurg hat mir anvertraut, dass er zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätten ihn verloren, aber unglaublicherweise hat Kevin diese zweite Operation überlebt.
Der Chirurg sagte, er sei überzeugt, dass alle Tumore entfernt wurden, aber nicht weiß, welche Auswirkungen diese tiefgehende Operation in Zukunft auf die Gehirnfunktionen hat. Auch wäre Kevins Gehirn im Moment ungeheuer geschwollen, und es besteht immer noch das sehr hohe Risiko einer Gehirnblutung, die jederzeit ausbrechen kann. Kevin ist derzeit auf der Intensivstation. Alles in allem besteht Anlass für sehr zurückhaltenden Optimismus, dass Kevin diese Tortur überlebt, auch wenn es vor ein paar Tagen wirklich noch sehr, sehr düster aussah. Vorsichtiger Optimismus, aber kein Grund zur Freude zu diesem Zeitpunkt, es ist immer noch zu früh. Näheres folgt, sowie ich etwas weiß.
Grüße
John“
Als ich Kevin kennen gelernt hatte, nahm ich mir von Anfang an vor, die Art und Weise unseres Kommunikationsaustauschs voll und ganz ihm zu überlassen.
Statt per Telefon oder Webcam zu kommunizieren, entschied er sich zum Chatten und zum Mailen.
Dadurch begab ich mich in ein unbekanntes emotionales Geschehnis, das mich zunehmend beanspruchte. Hin und wieder schien es mir, besonders am Anfang, als wäre ich mitten in einer Episode, die zum Teil real und zum Teil fiktiv war. Dennoch wurde es zunehmend realer, jedoch mit einem nicht vorhersehbaren Ende.
Als Kevin mir einige Tage vor seiner Gehirnoperation schrieb, dass das Pokern für ihn ein geeignetes Hirntraining sei, dachte ich mir, wie wahr doch dieser Satz ist.
Ich selbst pokere schon lange leidenschaftlich, doch Kevins Leidenschaft beim Pokern faszinierten mich dermaßen, dass ich dachte, er wird bestimmt während der Einleitung der Narkose und beim Einschlafen mit all seinen Gedanken beim Pokern sein. Ich wünschte mir von ganzem Herzen, dass er nach dieser Operation wieder erwacht und recht bald wieder vollkommen gesund am Pokertisch sitzen kann.
Seine Liebe zum Pokern erinnert mich an jenes Kind, das zeitweise unerwartet und spontan in uns Erwachsenen zum Vorschein kommt und bis zum Umfallen spielt. Bei Kevin kam es mir oft genau so vor. Auch erlebte ich ihn in dieser kurzen Zeit als einen Menschen, der zu keinem Zeitpunkt über seine schwierige Situation meckerte oder gar jammerte. Eher umgekehrt, er ist in der Tat belastbar und dabei noch humorvoll.
Während dieser Unmengen an Chats, sowohl bei seinem Abschiedsturnier als auch sonst, las ich niemals von ihm Sätze wie: „Warum ich? Warum ausgerechnet ein Hirntumor?“ oder andere Klagen.
Obwohl solch schwere Krankheiten leider fast immer Resignation mit sich bringen, schien es mir dennoch, dass Kevins Wille am Leben zu bleiben, seine nette Familie um sich zu haben und dabei ausgiebig zu pokern, ihm so viel Kraft gaben, dass seine zeitweilige Resignation sich nicht als ein Paralleltumor in seiner Psyche ausbreiten konnte.
Auf bald
Soraya Homam
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One Response to “Ungewissheit – Kevin 13”
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plexus Says:
July 20th, 2009 at 1:25 amEindrucksvolle Dokumentation!
Ich bin selbst Arzt und weiß wie schwierig die Prognosen bei bösartigen Hirntumoren sind. Nach der Beschreibung des Verlaufs gehe ich mal von einem malignen Tumor aus. Solange keine Metastasen vorhanden sind und der postoperative Verlauf komplikations ist, gibt es berechtigte Hoffnung auf eine Rekonvaleszenz. Mir sind auch einige Fälle mit Spontanremission bekannt. Ich bin auf weitere Blogs gespannt. Vielen Dank Frau Homam.
